Pressekonferenz der AAD von 2012

Prof. Dr. Bernd Bertram   
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Berufspolitisches Statement

Der Stellenwert des Augenarztes in einer alternden Gesellschaft

Gutes Sehen hat in der heutigen Welt einen enorm hohen Stellenwert.
Über keinen unserer Sinne nehmen wir mehr Informationen auf, kein Sinnesorgan ist so wichtig für unsere Lebensqualität.
Wie sehr das Thema Sehen der Öffentlichkeit am Herzen liegt, haben durchaus auch die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) bemerkt, die in einer Pressemeldung vom 23.
Dezember 2011 schreiben: „Die GKV hat ein Auge auf die Sehkraft der Versicherten.
“ Laut dieser Pressemeldung betrugen die GKV-Ausgaben 2010 für die fachärztliche Behandlung von Augenkrankheiten 1,75 Milliarden Euro.
* Doch reicht dieser Betrag aus, um die Gesundheit unseres wichtigsten Sinnesorgans zu erhalten?

Vier Volkskrankheiten am Auge

Vier Augenkrankheiten sind für die meisten Erblindungen und Sehbehinderungen verantwortlich – sie alle treten mit zunehmendem Alter häufiger auf: Katarakt (Grauer Star), Glaukom (Grüner Star), Altersabhängige Makuladegeneration (AMD) und diabetische Retinopathie (Netzhauterkrankung durch Diabetes).
Sie alle sind heutzutage gut diagnostizierbar und bei den meisten Betroffenen auch gut behandelbar.
Vor allem in den vergangenen beiden Jahrzehnten haben neue Medikamente und Neuentwicklungen im Bereich der Diagnostik die Möglichkeiten der Augenheilkunde deutlich erweitert: So zählen Prostaglandin-Analoga zur neuesten Generation der Glaukom-Medikamente, mit denen sich seit gut zehn Jahren der Augeninnendruck wirksam kontrollieren lässt.
Die Entwicklung der Anti-VEGF-Medikamente hat vor fünf Jahren zu einem Paradigmenwechsel in der Therapie der feuchten AMD geführt.
Die neuen bildgebenden Verfahren zur Diagnostik der Netzhaut und des Sehnervs haben die Indikationsstellung zur Therapie und die Verlaufskontrolle vieler Netzhaut- und Sehnervenerkrankungen erheblich vorangebracht.

Von diesen Fortschritten der Augenheilkunde profitieren immer mehr Patienten.
Denn die demographische Entwicklung lässt erwarten, dass die Zahl der Menschen, die von Erblindung aufgrund einer dieser Augenkrankheiten bedroht sind, steigen wird.
Dennoch, die Zahl der Neuerblindungen geht seit einigen Jahren zurück.
Eine dänische Studie, die im Februar im American Journal of Ophthalmology veröffentlicht wurde, belegt das: Im Jahr 2000 erblindeten 52,2 von 100.000 dänischen Bürgern aufgrund einer AMD.
Im Jahr 2010 traf dieses Schicksal noch 25,7 von 100.000 Bürgern.
Damit hat sich die Rate der Erblindungen durch AMD halbiert.
Dieser Erfolg ist den neuen Behandlungsmöglichkeiten der feuchten AMD mit Medikamentengaben ins Augeninnere zu danken.
Die dänische Studie zeigte außerdem, dass ebenfalls die Erblindungen wegen anderer Ursachen um 33 Prozent zurückgegangen sind.**

Damit alle Menschen in Deutschland von den Erfolgen der modernen Augenheilkunde profitieren können, muss für die augenmedizinische Versorgung das nötige Geld zur Verfügung stehen.
Die Augenärzte müssen außerdem die passenden Rahmenbedingungen vorfinden, die ihnen erlauben, ihre medizinischen Aufgaben zu erfüllen.

Weniger als ein Prozent der GKV-Gesamtausgaben

Die in der Pressemitteilung des GKV-Spitzenverbands genannten 1,75 Milliarden Euro machen noch nicht einmal ein Prozent der GKV-Gesamtausgaben aus.
Insbesondere für die augenärztliche Grundversorgung bezahlt die gesetzliche Krankenversicherung nur rund 700 Millionen Euro pro Jahr.
Davon müssen mehr als 20 Millionen Menschen (rund ein Viertel aller Bundesbürger) jedes Jahr augenärztlich versorgt werden.
Nach den Gynäkologen sind die Augenärzte damit die Facharztgruppe, deren Leistungen am häufigsten von den Versicherten in Anspruch genommen werden.
700 Millionen Euro reichen schon heute nicht aus, um die augenärztliche Grundversorgung angemessen zu honorieren.

Die Nachfrage nach augenärztlichen Leistungen wird allerdings in den nächsten Jahren noch deutlich zunehmen, das belegt die Studie, die Prof.
Dr. Eberhard Wille und Daniel Erdmann 2010 im Auftrag des Deutschen Facharztverbandes erstellt hatten***: Bis 2030 haben die Augenärzte mit einem deutlich überdurchschnittlichen Anstieg an Patienten um mehr als zehn Prozent zu rechnen.
Die Augenärzte sind bereit, die auf sie zukommenden Aufgaben zu meistern, wenn sie die dafür notwendige Unterstützung der Kostenträger erhalten.

Bürokratie eindämmen

Doch es geht nicht nur um die adäquate Honorierung augenmedizinischer Leistungen.
Mindestens ebenso wichtig ist es, die ausufernde Bürokratie wieder einzudämmen.
Es gilt, Augenärzte und ihre Mitarbeiter von mitunter absurd aufwändigen Tätigkeiten zu entlasten, damit sie sich den Patienten zuwenden können.
Es gilt ebenso, die freiberufliche Arbeit in der Augenheilkunde und die augenärztliche Tätigkeit in der ganzen Breite des Fachs zu fördern.
Nur dann kann das Fach Augenheilkunde für den ärztlichen Nachwuchs attraktiv bleiben.

Aktuelle Entwicklungen laufen in die entgegengesetzte Richtung: Seit dem 1. Januar 2012 gibt es im Honorarsystem eine neue Strukturpauschale, die niedergelassene Augenärzte zwangsweise auf die rein operative oder auf die rein nicht-operative Tätigkeit festlegt.
Die Augenärzte in Deutschland verlangen, dass diese Regelung verändert oder gänzlich abgeschafft wird.

Moderne Augenheilkunde flächendeckend bewahren

Letztlich muss unsere Gesellschaft aber deutlich mehr als die bisher bezahlten 700 Millionen Euro aufbringen, um eine moderne nicht-operative Augenheilkunde flächendenkend zu erhalten.
Wie wichtig den Menschen gutes Sehen ist, belegt eine andere Zahl: Die Menschen in der Bundesrepublik geben pro Jahr fast fünf Milliarden Euro für Sehhilfen aus.
Die beste Sehhilfe kann aber nichts ausrichten, wenn das Augenlicht verloren geht, weil infolge der Beschränkungen im Gesundheitssystem eine Augenkrankheit nicht rechtzeitig erkannt und behandelt werden konnte.


Prof. Dr. med. Bernd Bertram
1. Vorsitzender des Berufsverbands der Augenärzte Deutschlands e.V.
Tersteegen Str. 12
D-40474 Düsseldorf

Tel.: (02 11) 4 30 37 00
Fax: (02 11) 4 30 37 20
E-Mail: bva@augeninfo.de
www.augeninfo.de

Quellen:
* Pressemitteilung des GKV-Spitzenverbands vom 23. Dezember 2011: „Ganz normal für die gesetzlichen Kassen: 239.174 Augen-OPs in Krankenhäusern schärfen jährlich den Blick der Versicherten“
** Sara Brandi Bloch, Michael Larsen, Inger Christine Munch: Incidence of Legal Blindness From Age-Related Macular Degeneration in Denmark: Year 2000 to 2010, American Journal of Ophthalmology, February 2012 (Vol.153, Issue 2, Pages 193-195)
*** Eberhard Wille, Daniel Erdmann: Gesundheitsökonomischer Stellenwert einer flächendeckenden ambulanten Facharztversorgung – Entwicklung, Stand und Perspektiven, 2011, Baden-Baden


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